COHEN – DER WAHRE KANYE WEST

Das ist Leonard Cohen auf einem Mural in Montreal. Dort wurde er geboren, und dort schrieb er einige seiner letzten Gedichte. Eins davon ist “inspiriert” von Kanye West, der sich bekanntlich nicht nur mit Trump gemeinmacht, sondern sich wie dieser auch gern für den Allergrößten hält. So soll er bei einem Konzert gebrüllt haben: “Ich bin Picasso. Ich bin Michelangelo. Ich bin Basquiat. Ich bin Walt Disney. Ich bin Steve Jobs.”
Leonard Cohen war da offenbar anderer Meinung. Sein ironisches Gedicht, in dem er sich schließlich als “der wahre Kanye West” outet, ist jetzt in dem Gedichtband THE FLAME erschienen, den er kurz vor seinem Tod vollendet hat. Beigelegt ist eine CD, auf der einige berühmte Leute die Gedichte lesen. So auch der Schauspieler Michael Shannon.

Kanye West is not Picasso,
I am Picasso.
Kanye West is not Edison,
I am Edison.
I am Tesla.
Jay-Z is not the Dylan of anything,
I am the Dylan of anything.
I am the Kanye West of Kanye West,
The Kanye West of the great bogus shift of bullshit culture,
From one boutique to another.
I am Tesla,
I am his coil,
The coil that made electricity soft as a bed.
I am the Kanye West Kanye West thinks he is,
When he shoves your ass off the stage.
I am the real Kanye West.
I don’t get around much any more,
I never have.
I only come alive after a war,
and we have not had it yet.

Weiterführende Informationen:
Die zweisprachige Version von THE FLAME bei Kiepenheuer & Witsch

FLUGBLÄTTER

Das ist ein Flugblatt. Die Geschichte dazu geht so:
1968. Die Welt war aus den Fugen. Die Söhne rebellierten gegen ihre Väter. Auch in dem Teil der Welt, wo es einmal die Vision vom schönen weiten blauen Himmel mit der aufgehenden Sonne gegeben hatte. Hier war der Blick der Väter starr geworden. Sie hatten ihre Träume mit der Zeit gegen Parteiprogramme eingetauscht. Sie hatten aufgehört, ihrem eigenen Volk zu trauen und die Türen und Fenster vernagelt. Die Luft war mit der Zeit immer dicker und muffiger geworden.
Im Land nebenan passierte etwas. Dort machten sie plötzlich die Fenster auf und ließen frische Luft herein. Doch die Männer, die ihre Träume vergessen hatten, wollten das nicht dulden und schickten Panzer in das Land. Die Fenster wurden wieder verriegelt. Aus der Traum. Vorbei.
Mein ältester Bruder fand das schlimm, traf sich mit seinen Freunden und schrieb Flugblätter: »Hände weg vom Roten Prag.« Sie hatten nichts gegen den Sozialismus. Sie wollten ihn, aber nicht so.
Nachts verteilten sie die Flugblätter in Berlin und verabredeten, sich gegenseitig nicht zu verraten, wenn einer von ihnen verhaftet würde.

Kurzfilm von Lena Brasch und Antonia Lange
Nach einem Motiv des Romans Ab jetzt ist Ruhe (S. Fischer, 2012)
Musik: Jun Miyake “Lilies in the Valley”