18. AUGUST 1989

Das ist mein Vater. Die Aufnahmen enstanden 1944 im englischen Exil und 1989 in Ostberlin. Dazwischen ist viel passiert, das sieht man.
Am 18. August 1989 ist er gestorben. Und weil er ZK-Mitglied war, bekam er eine offizielle Trauerzeremonie. Ein hoher Funktionär hielt eine Rede voller abgenutzter Worte, dann trugen sie seine Orden auf roten Samtkissen zu seinem Grab und spielten den Trauermarsch, den sie immer spielten. Ich hatte diese Beerdigungen schon tausendmal im Fernsehen gesehen, doch die hier war anders. Klar, es war mein Vater, den sie zu Grabe trugen, aber das war es nicht. Irgendwie passte diese seltsame Zeremonie nicht mehr in diese Zeit. Das Land lag doch auch schon im Sterben, und die Band, die hier den Trauermarsch spielte, war ja bloß die Vorband für eine größere Beerdigung, nur ahnte das damals noch niemand. Ich stand zwischen meinen Brüdern, wir hielten uns an den Händen und gehörten zusammen. Zum letzten Mal.

MEMOIREN EINES GEDÄCHTNISLOSEN

Das ist Erik Satie. Der Franzose war nicht nur Komponist, Pianist und Minimalist, sondern auch ein begnadeter Exzentriker und Scherzkeks. Vor über 100 Jahren zum Beispiel schrieb er in seinen Mémoires d’un amnésique (Memoiren eines Gedächtnislosen): “Jeder wird Ihnen sagen, ich sei kein Musiker. Das stimmt. Schon zu Beginn meiner Laufbahn … habe ich mich zu den Phonometrographen, den Schallmessern gezählt.” An anderer Stelle informiert er uns sehr detailliert über seine täglichen Verrichtungen:

“Der Künstler muss sein Leben einteilen. Hier der genaue Zeitplan meiner täglichen Beschäftigungen:
Aufstehen: Um 7.18 Uhr. Inspiration: von 10.23 bis 11.47 Uhr. Ich nehme mein Mittagessen um 12.11 Uhr ein und stehe um 12.14 Uhr vom Tisch auf. Ersprießlicher Ausritt in den Tiefen meines Parks: von 13.19 bis 14.53 Uhr. Erneute Inspiration: von 15.12 bis 16.07 Uhr. Verschiedene Beschäftigungen (Fechten, Meditation, Reglosigkeit, Besuche, Betrachtungen, Geschicklichkeitsübungen, Schwimmen, etc.): von 16.21 bis 18.47 Uhr. Das Abendessen wird um 19.16 Uhr serviert und ist um 19.20 Uhr beendet. Es folgt symphonische Lektüre, laut vorgetragen: von 20.09 bis 21.59 Uhr. Das Schlafengehen erfolgt regelmäßig um 22.37 Uhr. Einmal wöchentlich schreckhaftes Auffahren um 3.19 Uhr (am Dienstag). Ich esse nur weiße Lebensmittel: Eier, Zucker, geriebene Knochen, Fett von toten Tieren, Kalbfleisch, Salz, Kokosnüsse, in Milchwasser gekochtes Huhn, das Schimmlige von Früchten, Reis, weiße Rüben, Weißwurst mit Kampfer, Teigwaren, (Weiß-)Käse, Salate von Watte und gewissen Fischen (nicht die Haut). Ich koche meinen Wein und trinke ihn kalt mit Fuchsiensaft. Ich habe einen guten Appetit, doch aus Angst vor dem Ersticken spreche ich nie während des Essens. Ich atme mit Bedacht (wenig auf einmal). Ich tanze sehr selten. Beim Gehen halte ich mir die Rippen und blicke starr hinter mich. Ich sehe sehr ernsthaft aus, und wenn ich lache, geschieht es unabsichtlich. Ich entschuldige mich stets dafür, und mit Leutseligkeit. Ich schlafe nur mit einem Auge, mein Schlaf ist sehr hart. Mein Bett ist rund und hat ein Loch, um den Kopf durchzustecken. Jede Stunde nimmt mir ein Diener die Temperatur und tauscht sie gegen eine andere. Seit langem habe ich eine Modezeitschrift abonniert. Ich trage eine weiße Mütze, weiße Strümpfe und eine weiße Weste. Mein Arzt hat mir immer das Rauchen empfohlen. Er fügt seinem Ratschlag hinzu: Rauchen Sie, mein Freund, sonst wird es ein anderer an Ihrer Stelle tun.”

Und nun: Drei Stücke in Form einer Birne (Trois morceau en forme de poire).

EINE FRAGE DER ZEIT

Das ist Danielle. Sie ist ein virtuelles Geschöpf des amerikanischen Filmemachers Anthony Cerniello. Er erschuf ihr Gesicht, um es mittels Zeitraffer altern zu lassen, und zwar auf so faszinierende Weise wie der Alterungsprozess auch tatsächlich vor sich geht: langsam, unmerklich, unaufhaltsam. Und so wird aus dem kleinen Mädchen in fünf Minuten eine ältere Frau. Fesselnd und ergreifend schön.

ZEIG MIR DEIN BADEZIMMER

Das ist ein Mensch in der Badewanne. Eine Badewanne, wie sie vermutlich in vielen Badezimmern steht. 26 davon hat der britische Regisseur Peter Greenaway 1985 in einem halbstündigen Kurzfilm porträtiert. Er sollte am Anfang der Serie INSIDE ROOMS stehen, in der noch Filme über die Wohn-, Schlaf- und anderen Zimmer der Engländer folgen sollten. Leider kam es nicht dazu. Um so kostbarer ist dieser kleine Film, in dem Greenaway mit Ironie und Empathie die Badezimmer und ihre Besitzer “erzählt”.
Wie so oft bei ihm, ist auch dieser Film alphabetisch strukturiert (L = Lost Soap, W = Washing the Dog), und die Musik stammt (auch wie so oft) von Michael Nyman.