THOMAS BRASCH IM BABYLON

Foto: AKUD/Lars Reimann

Das ist das Kino Babylon. Dort fand vom 22.-24. November 2021 ein Thomas Brasch-Festival statt. Drei Tage Bühne, Film und Musik mit Katharina Thalbach, der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot, Masha Qrella und Jella Haase & Albrecht Schuch (die im Film LIEBER THOMAS von Andreas Kleinert die Hauptrollen spielen).
Der wundervolle Fotograf Lars Reimann war an allen drei Abenden dabei und hat Bilder gemacht, die wir hier unten zu einem Film zusammengeschnitten haben. Die Musik darunter ist von Miles Davis. Es war eines von Thomas’ Lieblingsstücken.

Der Film LIEBER THOMAS läuft immer noch im Kino …

LIEBES LEBEN

“Liebes Leben, manchmal bist du …
Wie ein Haufen Scheiße in einer Cornflakespackung
Wie singen müssen auf der eigenen Bestattung
Wie Brockhaus lesen in einer fremden Sprache
Wie Tieftauchen in einer Blutlache
Wie ein Kartenhaus bauen während hundert Stunden Achterbahn
und dieses dann aufm Kopf nach Oslo mitm Laster fahren
Wie Schlittschuhlaufen mit Kufen aus Butter
Wie Gulasch essen mit sieben Kilo Zucker
Wie eine Lüge, die sich selbst beweist
Wie eine Wahrheit, die sich selbst bescheißt
Wie eine Formel mathematischster Art,
die sich auf halber Strecke mit einem Gefühlsausbruch paart
Die beiden heiraten und vollkommen rätselhaft
gebären sie ein Kind, das Feuer spuckt und Kekse kackt.
Sie nennen es Universum, sagen: Komm, Kind, geh spielen!
Universum sagt: Spielen? Geht aber nur unter Vielen!
Ich bastele mir Wesen, die sich selber rekreiern
und lasse sie dann auf Wesen namens Planeten rumspazieren.
Die Eltern sagen: Klar Kind, machma wie du magst.
Billiarden Jahre später ham wir den Salat”

(Text: Robert Gwisdek, Musik: Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi)

SISTERS WITH TRANSISTORS

Das ist Laurie Spiegel. Sie ist Komponistin und eine der Protagonistinnen des Dokumentarfilms SISTERS WITH TRANSISTORS. Darin erzählt die Filmemacherin Lisa Rovner die Geschichte jener Frauen, die sich neue Maschinen und Technologien zu eigen machten, um auf visionäre und mitunter radikale Weise die Grenzen der Musik neu zu definieren. Mit dabei auch Clara Rockmore, Daphne Oram, Bebe Barron, Pauline Oliveros, Delia Derbyshire, Maryanne Amacher, Eliane Radigue und Suzanne Ciani. Erzählt wird die Geschichte von Laurie Anderson.
Der Film ist seit ein paar Tagen für knapp 10£ in Großbritannien streambar, hier leider nicht. Aber vielleicht ändert sich das ja noch.

WOANDERS


Nikolaj Gyngasow/Global Look Press

Das ist eine Bronzefigur in der Moskauer Metrostation PLATZ DER REVOLUTION. Sie zeigt einen Grenzsoldaten mit seinem Hund. Die Schnauze des Tieres ist blank, weil sie täglich unzählige Male von Moskovitern gestreichelt wird. Sie glauben fest daran, dass dadurch ihre Wünsche in Erfüllung gehen.
Dieses Ritual ist das Motiv eines Videos, das die Filmemacherin Diana Näcke zum Song WOANDERS von Masha Qrella gemacht hat. Es ist der Titelsong des Albums, für das die Musikerin Texte von Thomas Brasch vertont hat und das heute erscheint.

KARL DIE GROSSE

Das ist die Band KARL DIE GROßE. Sie kommen aus Leipzig und machen seit Jahren sehr gute, lässige, kluge und warme Musik.
Am 16. Oktober ist ihr neues Album “Was wenn keiner lacht” erschienen, das sie über Crowdfunding finanzieren. Kann man noch prima unterstützen …

Auch sehr schön und interessant: Das Soloprojekt SUNTJE der Karl die Große-Posaunistin Antonia Hausmann.

CATT

Das ist CATT. Sie ist Musikerin. Das erste Mal habe ich sie bei einem Livekonzert des grandiosen Niels Frevert gesehen, wo sie Trompete gespielt hat. Später habe ich erfahren, dass sie Solokünstlerin ist, und als ich dann ihre Songs zum ersten Mal gehört habe, war ich beeindruckt und berührt wie lange nicht mehr.
Vergleiche sind immer doof, man tut Musikern damit keinen Gefallen, weil man ihnen damit Einmaligkeit abspricht. Aber vielleicht so: Ich hab mich daran erinnert, wie ich das erste Mal Joni Mitchell gehört habe und es nicht fassen konnte.
Im November erscheint CATTS Album WHY,WHY. Ich glaube, das wird ein großes federleichtes und schmerzlich schönes Abenteuer …



Die Videos oben hat übrigens Michèl Martins Almeida gemacht, der hier unten wiederum an den Drums sitzt.

KERZE MIT ZWEI ENDEN


Foto: Miroslav Murazov

Das ist Wladimir Wyssozki als Hamlet. Die letzte Vorstellung am Moskauer Taganka-Theater spielte er am 18. Juli 1980. Als er eine Woche später mit nur 42 Jahren an Herzversagen starb, weinten und trauerten die Menschen, denn Wyssozki war nicht nur Schauspieler, sondern vor allem charismatischer Dichter und Sänger von Liedern, die ins Herz trafen und deren zornige Poesie der sowjetischen Regierung ein Dorn im Auge war. Wyssozki war die personifizierte Rebellion und entsprach mit seinem exzessiven, alkoholgetränkten Lebensstil so gar nicht dem Bild einer sozialistischen Persönlichkeit. Er war die sprichwörtliche Kerze, die an beiden Enden brannte.
Obwohl die Moskauer Behörden die Beerdigung wegen der gerade stattfindenen Olympischen Spiele geheimhalten wollte, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer im Land. Hunderttausende sollen sich versammelt haben, um sich von ihrem Idol, der als Hamlet zu Grabe getragen wurde, zu verabschieden.
Das ist jetzt genau vierzig Jahre her. Hier der Trailer zu einer Doku über ihn und darunter sein Lied “Wolfsjagd”.

BREAKING RAMEAU

Das sind Leute, die einem Mann bei einem gekonnten Breakdance-Move zuschauen. Was aussieht wie eine Szene von heute, gehört zur Choreographie für die barocke Ballettoper LES INDES GALANTES von Jean-Philippe Rameau. Die Inszenierung hatte im Herbst letzten Jahres in Paris Premiere, und allein diese Szene ist so ungewöhnlich und atemberaubend, dass man die Musik dazu sofort in Dauerschleife hören möchte.
Die komplette Aufzeichnung der Inszenierung gibt es noch bis Oktober in der ARTE-Mediathek.

Und noch ein “Point of View”-Kurzfilm, der während der Proben entstanden ist.

WOVON LEBT DER MENSCH

Das ist ein Bild aus New York. Ich habe es gemacht, als ich vor zwei Jahren für einige Wochen dort war. Es war eine gute Zeit – das sehe ich, wenn ich mir die Bilder von damals anschaue. Es war Frühling, so wie jetzt. Und doch sind es Bilder wie aus einem anderen Zeitalter. Das wurde mir besonders klar, als ich vor kurzem einen Text von Marie Pohl las. Sie lebt in New York und erzählt, wie sie ihre Stadt in den letzten Wochen erlebt hat.
Als ich dann durch Zufall vor ein paar Tagen den Brecht/Weill-Song “Wovon lebt der Mensch” aus der Dreigroschenoper in einer Version von Tom Waits gehört habe, dachte ich, das gehört alles zusammen …

Und hier das Original, 1958 gesungen von Lotte Lenya:

Und dann heute die New York Times

VERFLUCHTER HALBGOTT!

Das ist der Halbgott Tantalos. Die Götter mochten ihn, weil er so klug war und luden ihn zu sich ein. Er feierte mit ihnen, wurde jedoch schnell übermütig, prahlte und klaute ihnen Nektar und Ambrosia, die ihnen Unsterblichkeit verliehen. Bei einer Gegeneinladung setzte Tantalos den Göttern seinen eigenen Sohn Pelops als Mahl vor, um ihre Allwissenheit auf die Probe zu stellen. Die Götter bemerkten den Betrug jedoch, verstießen den Frevler und verfluchten ihn und seine Familie. Jeder seiner Nachfahren solle künftig ein Familienmitglied töten und weitere Schuld auf sich laden.
Aus der ganzen verfluchten Geschichte hat das Sprechkunst-Kollektiv Dlé (bestehend aus Kemo, Jackson Mehrzweck und Jaques Tabaqu) vor ein paar Jahren ein betörend schönes HipHop-Werk geschaffen.